Die Neukonzeption der Erste-Hilfe-Ausbildung

Erneute Untersuchungen zur Effektivität von Erste-Hilfe-Lehrgängen führten zu der Entscheidung, die Erste-Hilfe-Ausbildung pädagogisch neu auszurichten.
Konzeptionelle Grundlagen der Neukonzeption sind:

  1. Hilfsbereitschaft wird vorausgesetzt
  2. Qualifikation ‚Lebensretter’ = lebenswichtige Funktionen so schnell wie möglich übernehmen oder stabilisieren
  3. Qualifikation ‚Ersthelfer’ = kreative Lösungskompetenzen im Umgang mit beispielhaften Unfällen, Vergiftungen und Erkrankungen trainieren
  4. Inhalte wurden den Erste-Hilfe-Maßnahmen zugeordnet
  5. Kommunikationskompetenz wurde als neues Lernziel hinzugefügt

Hilfsbereitschaft wird vorausgesetzt

Die meisten Teilnehmer von Erste-Hilfe-Kursen sind entgegen landläufiger Meinungen schon vor Beginn der Schulung in einem höheren Maße zur Hilfeleistung motiviert – dies belegen mehrere Studien (Kiklaisch 2013, Bierhoff/Klein/Kramp 1990). Auch der Bedarf an Erste-Hilfe-Kursen wird gesehen – 85 Prozent der Deutschen finden es richtig, dass jeder Bundesbürger einmal in seinem leben einen Erste-Hilfe-Kurs besuchen muss, 80 Prozent wären sogar für eine regelmäßige Auffrischung der Erste-Hilfe-Kenntnisse für Führerscheininhaber (GfK Marktforschung 2011). Deshalb muss die Hilfsbereitschaft in Erste-Hilfe-Kursen nicht gelehrt, sondern mit Handlungskompetenzen gefördert werden.
Auch wenn besonders die Fälle der unterlassenen Hilfeleistung im Fokus der Medien stehen, belegen diese durch ihre eigene Initiative ‚Kavaliere am Steuer’ die deutlich höhere Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. In 51 Jahren wurden 65.000 Menschen für ihre Hilfsbereitschaft in Notsituationen im Straßenverkehr ausgezeichnet (DVR-Deutscher Verkehrssicherheitsrat 2010).
Das ‚Prozessmodell der Hilfeleistung’ (Latané & Darley 1970) zeigt deutlich, wo die Stolpersteine für die Hilfeleistung liegen.

  1. Notfall bemerken – die Hilfsbereitschaft von Ersthelfern ist deutlich höher, wenn sie das Notfallgeschehen beobachten. Kommen sie zu einer Notfallsituation hinzu, ist das Entschlüsseln der Situation als Notfall notwendig. Leitfrage: Ist etwas passiert?
  2. Notfall erkennen – die Interpretation der Situation als Notfall braucht Kompetenzen. Das Umfeld des Notfalls sowie die Situation der betroffenen Person müssen interpretiert werden. Leitfrage: Ist Hilfe erforderlich?
  3. Verantwortung übernehmen – Sobald eine zweite Person anwesend ist, ist unklar, wer handeln muss. Hier muss der Erste-Hilfe-Kurs Eindeutigkeit schaffen: Wer kann, muss helfen. Deshalb müssen alle Teilnehmer im Lehrgang üben = Verantwortung übernehmen. Leitfrage: Will ich helfen?
  4. Maßnahmen beurteilen – Notfallsituationen sind komplexe Herausforderung an den Ersthelfer, unter Stress: 1. Eigengefährdung ausschließen und 2. Maßnahmen einleiten. DEKRA hat 2014 festgestellt, dass von 1.350 befragten Autofahrern 86 Prozent Erste-Hilfe leisten würden. Ein Stolperstein für das Helfen ist die fehlende Kompetenz: 90 Prozent dieser Ersthelfer trauen sich die Seitenlage oder das Anlegen eines Verbandes zu, aber nur 66 Prozent hingegen eine Herz-Lungen-Wiederbelebung. Leitfrage: Kann ich helfen?

Das ‚Prozessmodell der Hilfeleistung’ bietet die Grundlage für die Handlungsstrategie ‚3 Schritte’ der Ausbildungsvorschrift Erste Hilfe (AV 1).

Qualifikation ‚Lebensretter’ = lebenswichtige Funktionen so schnell wie möglich übernehmen oder stabilisieren

Zur Steigerung der Selbsthilfekompetenz von Laien in Notfallsituationen müssen diese lernen, in einer Notfallsituation sachkundig zu entscheiden und zu handeln. Faktenwissen ist hierfür nur in zweiter Linie notwendig. Viel wichtiger ist es, die situativ richtige Entscheidung treffen zu können und die notwenigen Handgriffe zu beherrschen. Auf dieser Grundlage wurden alle Sofortmaßnahmen in Trainingskonzepte umgewandelt, denen ein klares Entscheidungsschema zugrunde liegt – das Schema „Auffinden eines Notfallbetroffenen“. Dafür wurden diese Situationen nach Dringlichkeit geordnet, die Übernahme der Herzfunktion als dringlichste Maßnahme zuerst.


Qualifikation ‚Ersthelfer’ = kreative Lösungskompetenzen im Umgang mit beispielhaften Unfällen, Vergiftungen und Erkrankungen trainieren

Jeder Teilnehmer eines Erste-Hilfe-Kurses hat Überlebenskompetenzen, die mit Erster Hilfe zu tun haben. Diese Kompetenzen gilt es für den Einsatz der richtigen Maßnahmen zu strukturieren und falsches (Halb-)Wissen zu korrigieren. Ziel ist es, es den künftigen Ersthelfern zu ermöglichen, eigenverantwortliche, soziale und medizinische Handlungskompetenzen zu erwerben und zu vertiefen. Dabei darf sich die Erste-Hilfe-Ausbildung nicht immer wieder in notfallmedizinische Detailfragen verlieren, die zu Widersprüchen führen und für den Ersthelfer in der Praxis völlig belanglos sind. Viel wichtiger ist es, dass sich die Ersthelfer in ihrem Wissen bestätigt sehen und es flexibel auf die jeweilige Situation anwenden können – dass sie improvisieren können.

Inhalte wurden den Erste-Hilfe-Maßnahmen zugeordnet

Erste-Hilfe-Kompetenzen sind Handlungskompetenzen. Sie müssen für die Laienausbildung so strukturiert werden, dass die richtige Maßnahme dabei herauskommt.

Kommunikationskompetenz wurde als neues Lernziel hinzugefügt

Neben den medizinischen Inhalten ist besonders die seelische Betreuung der Patienten wichtig. Sie schafft Vertrauen und reduziert den Stress für den Betroffenen und für den Ersthelfer in der Notfallsituation. Der Dialog schafft aber auch Verbindlichkeit – er macht den Ersthelfer zuständig. Das Reden im und über den Notfall erhöht die Analysekompetenz des Ersthelfers in den entscheidenden weichen Faktoren einer Notfallsituation. Diese Kompetenzen brauchen wir besonders in komplexen Notfallsituationen, wie beispielsweise bei psychiatrischen Notfällen.
Im Laufe der pädagogischen Neuausrichtung wurde das System der Erste-Hilfe-Ausbildung in Deutschland neu organisiert. Der Erste-Hilfe-Grundlehrgang wurde von 16 auf 9 Unterrichtseinheiten verkürzt, das Erste-Hilfe-Training wurde von 8 auf 9 Unterrichtseinheiten verlängert, und das Kurssystem Lebensrettende Sofortmaßnahmen wurde abgeschafft.